Radsport: Miriam Welte und Ida im Weltmeister Strampler

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Miriam Welte und Ida im Weltmeister-Strampler

Blickpunkt: Die Geräuschkulisse in einem Velodrom ist verdammt hoch, für Babys wie die kleine Ida Welte nicht das Wahre. Dennoch hat es sich Olympiasiegerin Miriam Welte nicht nehmen lassen, mit ihrer Mutter Alexandra die 490 Kilometer von Kaiserslautern in Richtung Eiffelturm unter vier Räder zu nehmen und für zwei Tage bei den Weltmeisterschaften in Saint-Quentin-en-Yvelines vorbeizuschauen.

Das „Hallo“ war groß, als die sechsfache Weltmeisterin in der Halle auftauchte. Hier ein Winken, dort ein Lachen, hier ein Small Talk, dort ein längeres Gespräch. „Ich kenne ja auch noch ganz viele. Das ist das Schöne, wenn man die alten Bekannten wiedersieht und ein bisschen quatschen kann“, offenbart Miriam Welte, wie gut es ihr tut, auch auf den Zuschauerrängen noch erkannt zu werden. In einer Wettkampfpause ging sie in Saint-Quentin-en-Yvelines, wo in 22 Monaten die olympischen Bahnradentscheidungen fallen, auch mal in den Innenraum, um den Sportlern hallo zu sagen. Eher zurückhaltend, denn „ich weiß selbst noch aus der Zeit als Athletin, wie das war, wenn Leute um einen rumgesprungen sind. Das hat nur abgelenkt.“ Das neue GlückInzwischen hat sich für die 35-Jährige viel verändert. Mitte Mai hat ihr Leben einen neuen Dreh gekriegt. „Ich finde es Wahnsinn, wie es die Natur auf die Reihe kriegt, aus einer Eizelle und einer Samenzelle einen kleinen gesunden Mensch entstehen zu lassen. Es ist ein anderes Glück als das, das man im Sport hatte, dieses Glück ist mit sehr viel mehr Liebe verbunden“, sagt sie. Mit Liebe zu Ida, mit Liebe zu Oliver Schäfer, ihrem Lebensgefährten, und mit Liebe zur ganzen Familie. „Wir teilen uns das schon ganz gut auf. Wir verbringen unsere Zeit ganz bewusst gemeinsam, gehen spazieren und wandern. Olli füllt daheim seinen Part als Papa richtig gut aus“, sagt Polizistin Miriam Welte, die noch in Elternzeit ist. RadfahrpauseMit dem Radfahren allerdings klappt es nicht mehr so gut bei der Lautererin, da ist Ida einfach noch zu klein. Stück für Stück reduzierte sie nach dem Karriereende ihr Training, seit neun Monaten hat sie gar nichts mehr gemacht. Ende Januar, vor ihrem Abflug zu den Winterspielen in Peking, saß sie zum letzten Mal auf dem Rad. „Ehrlich gesagt, das Stillen ist wirklich sehr anstrengend, das ist, wie ich immer sage, Hochleistungssport für den Körper, echt jetzt. Gefühlt esse ich mehr, als ich als aktive Athletin gegessen habe.“ Auch wenn die Nächte manchmal anstrengend sind, die kleine Ida ist ein ruhiges, ausgeglichenes Kind. Das schon die Regenbogenfarben einer Weltmeisterin auf dem Strampler trägt. Jockel Faulhaber, dem ideenreichen Radsportexperten und Freund der Familie aus Kaiserslautern, sei Dank. Im Dezember steht in Baden-Baden Miriam Weltes Wiederwahl als Vizepräsidentin des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) an, dann für reguläre vier Jahre. Vor einem Jahr war sie bei einer außerordentlichen Mitgliederversammlung gewählt worden. Ihr Vizepräsidentinnenamt beim Landessportbund Rheinland-Pfalz hat sie nach zwei Jahren vergangenen Samstag aufgegeben. Die Doppelfunktion hätte sie, gerade als Mutter, nicht gut auf die Reihe gekriegt. „Wir arbeiten im DOSB-Präsidium sehr vertrauensvoll zusammen, wir ergänzen uns in allen Bereichen sehr gut“, ist ihre Erfahrung. „Klar, ich musste viel dazulernen, weil ich die Strukturen im Sport im Kleinen kannte, aber die großen Zusammenhänge eben nicht. Da hat mir die Zeit bei den Olympischen Winterspielen in Peking mit DOSB-Präsident Thomas Weikert enorm geholfen. Ich konnte ihn viel fragen und viel verstehen“, sagt sie. Für Weikert, der erkrankt war, hatte sie Anfang Juli in München den DOSB repräsentiert, als es um „50 Jahre Olympische Spielen“ ging. Seit kurzem sitzt sie in einer der 31 Kommissionen beim Internationalen Olympischen Komitee (IOC). Als eine von vier DOSB-Präsidiumsmitgliedern und 17 Deutschen insgesamt wurde sie Ende September von IOC-Präsident Thomas Bach berufen. Die Kommissionen geben Empfehlungen in ihren jeweiligen Themengebieten an Bach und die IOC-Session. Weltes Kommission heißt „Athletes Entourage“, es geht darum, die Beziehungen zwischen den Athleten und ihrem Umfeld abseits des Trainings- und Wettkampfbetriebs zu verbessern. „Ich weiß noch nicht ganz genau, was auf mich zukommt. Wir haben am 25. Oktober eine erste Sitzung zum Kennenlernen über Zoom, dort wird über Inhalte gesprochen“, sagte Welte. Trainingskolleginnen. Natürlich nimmt sie großen Anteil an den Leistungen der derzeitigen deutschen Sprinterinnen, mit denen sie selbst noch gefahren ist. Emma Hinze und Pauline Grabosch drückten ja fast zu Beginn ihrer Laufbahn, in den Jahren von 2014 bis 2016, die Schulbank am Heinrich-Heine-Gymnasium in Kaiserslautern, der Eliteschule des Sports, die drei waren in einer Trainingsgruppe bei Frank Ziegler, ehe es sie nach Erfurt und Cottbus zog. „Ich bin beeindruckt von ihren Leistungen, sie fahren in einer anderen Liga“, bekannte Miriam Welte, sagte aber auch mit einem breiten Grinsen: „Wenn ich die Anfahrleistungen so sah, dachte ich, oh, mit einem bisschen Training hätte ich das auch noch geschafft.“ Sie, die im Erfolgsduo Welte/Vogel selbst Anfahrerin war, weiß natürlich, dass alles seine Zeit hat. Die Olympiasiegerin und Ex-Weltmeisterin genießt jetzt ihre Zeit als Mutter. Und das Gute ist, dass sie dem Sport nicht verloren geht. Wer weiß, wohin sie ihre Karriere im DOSB und IOC führt oder auf welche Ideen das Multitalent Miriam Welte noch kommt. Sport