Badminton: Vom Badmintonnetz abgefangen

Vom Badmintonnetz aufgefangen - Mit freundlicher Genehmigung der Rheinpfalz 

Badminton Nagmeh

 

Vom Badmintonnetz aufgefangen - Mit freundlicher Genehmigung der Rheinpfalz 

Der 11. März 2020 war der Tag, der das Leben von Naghmeh Mehrjoo 10 s1 für immer verändert hat. Sie war 15 und entschied sich dazu, ihrem Vater nachzufolgen, der aus dem Iran geflohen war. Ihr Lieblingssport Badminton half ihr, anzukommen, und eröffnete ihr einen Weg, von dem sie nie zu träumen gewagt hatte.

Mit wachen Augen erzählt Naghmeh Mehrjoo von der Zeit, die nicht einfach war für sie. Ihre Eltern sind getrennt, sie sah für sich keine Perspektive in dem Land, in dem sie aufgewachsen ist. Naghmeh Mehrjoo sprang, ließ alles hinter sich, zog zu ihrem Vater, wohnte mit ihm in einer Ein-Zimmer-Wohnung in Germersheim mit nur einem Bett, das ihr Vater ihr überließ, während er auf dem Boden schlief. Er lebte von Hartz IV, wollte, dass seine Tochter glücklich wird. Naghmeh ging auf die Geschwister-Scholl-Realschule Plus in Germersheim und verstand kein Wort. Sonst hatte sie immer gern und viel geredet, doch hier konnte keiner Persisch, ihr Englisch war eher mittelmäßig, und sie war einsam. Bis zum nächsten Tag, der ihr Leben verändern sollte. Sie ging zum ASV Waldsee ins Badmintontraining. Und plötzlich war da was, was sie kannte und konnte, wo es nicht viele Worte brauchte. Naghmeh feuerte die Bälle übers Netz und war glücklich. Dass sie mit dem Schläger umgehen kann, weiß sie, seit sie acht Jahre alt war. Ihr Onkel spielte damals im Iran mit ihr Federball im Park. Sie war sofort begeistert und ging mit ihrer Cousine ins Vereinstraining. Naghmeh merkte schnell, dass sie besser ist als ihre drei Jahre ältere Cousine. Und als die ein halbes Jahr lang verletzt war, lag die Jüngere uneinholbar vorn. Sie spielte Turniere und fiel auf. Wer bei den drei großen Wettbewerben des Landes unter die ersten acht kommt, ist Kandidat für die Nationalmannschaft, erklärt sie. Die inzwischen 16-Jährige wurde Fünfte beim Sichtungsturnier, sie war im Nationalteam. Doch als ihr Vater ihr anbot, nach Deutschland nachzukommen, stand ihr Entschluss fest: Sie wird den Iran verlassen, trotz Nationalmannschaft, auch wenn sie ihre Mutter und ihre Freunde zurücklassen muss. Die unbekannte NummerDann stand sie da in Waldsee in der Halle, hatte endlich wieder einen Schläger in der Hand, durfte mit echten Bällen spielen. „Im Iran habe ich nur zweimal mit echten Federbällen gespielt. Die sind so teuer“, erzählt sie leise. Daniel Büchel, Sport- und Jugendwart beim ASV, erinnert sich nur zu gut an dieses erste kuriose Treffen, das auf seltsamen Wegen zustande kam. „Ich bekam einen Anruf von einer unbekannten Nummer.“ Dran war ein Trainer aus Bamberg, der über Naghmehs Freundin erfahren hatte, wie talentiert die Iranerin ist, und für sie nach einem Verein und einem Ansprechpartner in ihrer Nähe suchte. Er war auf den ASV Waldsee und Büchel gestoßen. „Ich habe mit ihr Kontakt aufgenommen. Auf Englisch haben wir uns irgendwie verständigt und ein Treffen vereinbart. Ich habe sie dann am Bahnhof in Speyer abgeholt.“ Der Badmintonfunktionär, selbst ein erfolgreicher Spieler und Jugendwart im Badmintonverband Rheinland-Pfalz, nahm Naghmeh Mehrjoo mit ins Kinder- und Jugendtraining und erkannte sofort, was er da vor sich hatte und dass sie die Bälle nicht zufällig traf. „Vom Niveau her war das deutlich anders als das, was wir sonst kennen.“ Probewoche am HHGDaniel Büchel meldete sich bei Stützpunkttrainer Christian Stern, den er von der Verbandsarbeit her kannte. „Er hat mir gesagt, ihr Talent übersteigt das, was im Verein zu leisten ist“, erzählt Stern, Trainer am Heinrich-Heine-Gymnasium (HHG), der Eliteschule des Sports in Kaiserslautern. Stern lud das Talent aus dem Iran zu einem Training in Kaiserslautern ein und fragte es danach, ob es Lust hätte, im Stützpunkt zu trainieren. Naghmeh hatte Lust. Stern und sie vereinbarten eine Probewoche, verständigten sich mit einem Mix aus Englisch und Deutsch. Für Stern war schnell klar, dass die Schülerin jede Menge Talent hat und dass sie an der Eliteschule des Sports auch bildungstechnisch besser gefördert werden könnte als an der Realschule Plus in Germersheim. Ganztagsschule, Nachhilfe in Deutsch und Gymnasium zählt er auf, wovon Naghmeh profitieren könnte. Auch die Iranerin war sofort begeistert vom Training, das so anders war als das, was sie kannte, davon, dass sie über ihren Sport plötzlich Anschluss hatte, sich austauschen, mit anderen reden konnte. War da noch die Schwierigkeit mit der Finanzierung. Ihr Vater konnte die Internatsgebühr als Hartz-IV-Empfänger nicht stemmen. 360 Euro kostet die Vollverpflegung im Monat. Der Förderverein der Schule sprang ein. Das Internatsteam, die Schule, die Pädagogen, alle standen hinter Naghmeh, setzten sich für sie ein, regelten alles mit dem Jobcenter, dem Jugendamt, der Sozialarbeiterin, die sich um die Iranerin kümmert. Im Herbst vergangenen Jahres zog sie ins Internat, geht ins Stützpunkttraining, hat ein paar Trainingsstunden weniger als die anderen, weil sie in der Zeit Deutsch lernt. Was ihr hilft. Inzwischen spricht sie fließend Deutsch, versteht im Unterricht alles, hat Freunde gefunden. „Die ersten Wochen waren schwer, aber alle waren freundlich zu mir, besonders Judi, meine Zimmerkollegin, sie hat mir immer geholfen und alles erklärt.“ Badminton habe ihr geholfen, sich einzugliedern, sagt Christian Stern. „Naghmeh hat viel geredet, schnell Deutsch gelernt.“ Die dritte TrainingseinheitVor Kurzem war die 16-Jährige wieder in Waldsee. Regelmäßiges Training im Verein ist schwierig, wegen der Entfernung, aber sie tritt weiter für die erste Mannschaft des ASV in der Rheinhessen-Pfalz-Liga an. Büchel freute sich, als sie mit dem Zug aus Kaiserslautern kam, und musste grinsen, als sie so unzufrieden war, weil sie nicht alles zeigen konnte, was sie kann. Sie hatte an dem Tag zwei Trainingseinheiten in Kaiserslautern in den Knochen. „Naghmeh ist so verdammt ehrgeizig und hat eine Technik und Taktik, die für ihr Alter was Besonderes ist, verglichen mit Gleichaltrigen und auch mit Spielern des anderen Geschlechts“, schwärmt er. Ihr Vereinstrainer freute sich über das Wiedersehen nach der langen Coronapause und sah ihr an, dass der Schritt, den er anfangs nicht für den richtigen hielt („die Bindung zu den Eltern ist wichtig“), ihr offensichtlich gutgetan hat. „Ich habe ein sehr glückliches Mädchen gesehen, das sehr, sehr viel geredet hat, sehr ausgeglichen, sehr interessiert ist.“ Der freiwillige RückschrittNaghmeh hat jetzt eine Perspektive und ein Ziel, für das sie hart arbeitet. Sie will im Badminton besser werden, aber auch in der Schule. „Ich will an die Uni gehen“, schwärmt sie. Astrophysik ist ihr großer Traum, und Mathe mag sie. Weil sie dafür noch bessere Sprachkenntnisse und richtig gute Noten braucht, wiederholt die 16-Jährige freiwillig die zehnte Klasse. Doch jetzt sind erst mal Ferien, in denen sie im Internat bleibt, um zu trainieren. Zwei Einheiten am Tag stehen an, darunter auch Krafttraining, Übungen zur Verbesserung der Haltung. „Das Training hier ist sehr abwechslungsreich, es gibt sehr unterschiedliche Übungen“, schwärmt sie. „Im Iran gab es kein Teamtraining mit der Nationalmannschaft. Jeder musste sich selbst einen Trainer suchen, wir mussten mit Kopftuch trainieren“, erzählt die Schülerin von dem einen Jahr im Nationalteam. Den Schritt nach Deutschland hat die Iranerin nie bereut. Weil sie sich in ihrem Land nicht hätte weiterentwickeln können. „Ich bin noch mit einigen Freundinnen in Kontakt. Wenn ich sehe, wo die heute sind und wo ich bin …“, sagt sie und wird nachdenklich. In Deutschland angekommen„Naghmeh ist sehr ehrgeizig, sie hat megaviel Power, kann megalang arbeiten“, stellt ihr Trainer fest. Und sie hat Talent. Im September kann sie das erste Mal um Punkte spielen. „Sie könnte nächstes Jahr eine U19-Medaille holen bei deutschen Meisterschaften“, meint er. Wie das mit ihrem Pass weitergeht und wo sie dann spielt, ist offen. Klar ist, für den Iran kann sie nicht mehr spielen. „Dafür müsste ich hinreisen und die Turniere dort spielen.“ Aber das macht ihr nichts aus. Ihr Lebensmittelpunkt ist jetzt in Deutschland. „Ich habe Freunde gefunden, habe Deutsch gelernt, alle verstehen mich, das ist echt klasse. Ich habe Training. Mein ganzes Leben ist hier. Es gefällt mir hier, ich bin sehr glücklich hier“, sprudelt es aus ihr raus. Ab und zu vermisst sie ihre Freunde aus dem Iran, manchmal das Essen aus ihrem Heimatland. „Persisch reden. Hier muss ich immer nachdenken.“ Und ihre Mutter, mit der sie regelmäßig videotelefoniert. Aber in diesen Tagen ist ihr Glück perfekt. Ihr Vater hat nach fünf Jahren in Deutschland Arbeit gefunden. Im Iran war er Kung-Fu-Trainer. Über das Jobcenter hat er sich zum Schweißer ausbilden lassen, jetzt darf er in einer Autowerkstatt arbeiten. Und in diesen Tagen kommt ihre Mutter aus dem Iran zu Besuch und ihre Schwester aus Italien. Es ist das erste Wiedersehen seit über einem Jahr. Naghmeh freut sich riesig. Sie ist glücklich.