Badminton: Steiniger Weg zum Erfolg führt durch die Badmintonhalle

Badminton Boveska

Steiniger Weg zum Erfolg führt durch die Badmintonhalle

Maria Boevska war 16 und hatte einen Traum: Sie wollte Badmintonprofi werden. Und Trainerin. Im Trainingslager in ihrem Heimatland Bulgarien kam sie mit den Coaches des Kaiserslauterer Heinrich-Heine-Gymnasiums in Kontakt, wurde zum Probetraining eingeladen. Sie ließ ihre Familie zurück, ging nach Deutschland und startete einen Weg, der steinig war und jetzt, vier Jahre später, zu einem ganz anderen Ziel führt.

Maria kennt jeder im Heinrich-Heine-Gymnasium. Die Lehrer schwärmen von ihr und ihrem Ehrgeiz, sie hat viele Freundinnen. „Wenn sie in die Halle kommt und lächelt, erhellt sie die ganze Halle“, sagt Badmintontrainer Christian Stern. Seine Kollegen von der Eliteschule des Sports erkundigen sich regelmäßig bei ihm, wie ihr geht und machen sich Sorgen, weil Maria Boevska im Moment coronabedingt in Bulgarien feststeckt. Sie vermissen die Sportlerin und Kämpferin, die so hart an sich und ihren Zielen arbeitet und hoffen, dass sie bald wieder nach Kaiserslautern kommt. Seit die Schule geschlossen wurde, sie in ihre Heimat zurückmusste, ist die Bulgarin per Videochat und Telefon mit ihren Klassenkameraden verbunden, wurde auch schon im Unterricht zugeschaltet, und alle haben sich gefreut, wie sie im Videochat mit der RHEINPFALZ erzählt. Nach vier Jahren in Deutschland, wohin sie für ihren Traum ausgewandert ist und in denen sie gerade mal drei Wochen zu Hause war, ist sie wieder daheim bei ihren Eltern, Geschwistern und bei ihrem Freund. Vorübergehend. Denn sie will und wird zurückkommen und an ihren großen Zielen weiterarbeiten. Jenes Trainingslager vor vier Jahren in Bulgarien hat ihr Leben verändert. Maria Boevska, die mit elf Jahren zum ersten Mal Badminton spielte, als ihre Mutter sie zum Sommerferienkurs anmeldete, wusste schnell, dass sie Talent hat. Ein Jahr später spielte sie die ersten Turniere. Ihr Vater, der sie zu den Wettbewerben fuhr, erklärte ihr aber bald, dass sie nur Profi werden könne und er sie nur fahren würde, wenn sie hart trainiert. Die Schülerin nahm sich das zu Herzen, arbeitete für ihren Sport genauso hart wie für die Schule. Sie hatte die besten Noten im Fremdsprachengymnasium, wo sie Deutsch lernte, schaffte es im Badminton in den Jugendnationalkader und hatte einen Sponsorenvertrag, als ihre Eltern sie zum Trainingslager mit den deutschen Talenten schickten. Am Ende fiel sie Stützpunkttrainer Stefan Ljutzkanov auf, der zu der Zeit am Heinrich-Heine-Gymnasium unterrichtete. Er sprach mit ihrem Vater, und Maria Boevska wurde zum Probetraining nach Kaiserslautern eingeladen. Eine aufregende Zeit„Es war sehr aufregend“, erinnert sie sich an die eine Woche in einem fremden Land, in dem sie kaum was verstand, wo sie niemanden kannte außer Stefan Ljutzkanov und seinen Kollegen Christian Stern, die beim Trainingslager dabei waren. Stern erinnert sich nur allzu gut an das erste Training am HHG. Die 16-Jährige rief plötzlich verzweifelt bei ihm an, weil sie vor der Halle stand und trainieren wollte, aber keiner kam. Vor lauter Aufregung und nach 22 1/2 Stunden Fahrt im Auto hatte sie die Zeitumstellung nicht mit eingerechnet, stand um 5 Uhr morgens vor verschlossenen Türen und wollte trainieren. Sie war froh, dass Ljutzkanov, der Bulgare ist, ihre Sprache verstand. „Ich wusste erst nicht, ob ich Deutsch oder Englisch mit ihr sprechen soll“, erinnert sich Stern. „Mein Englisch war noch schlechter als mein Deutsch“, sagt die Schülerin, die aber seitdem hart an sich gearbeitet hat. Sechs Monate ZitternSechs Monate musste sie nach der Probewoche zittern und warten, bis die Zusage kam, dass ihr Traum wahr werden kann. „Ich wollte Profispielerin werden. Und Trainerin. Und ich wollte in Deutschland studieren.“ Das Land kannte sie nur aus den Erzählungen ihres Vaters. „Mein Vater hat gesagt, wenn du dein Hobby zum Beruf machen kannst, ist das das beste.“ Das Training dort gefiel ihr. „Es war ganz anders als bei uns.“ Und auch die Kombination aus Schule und Training war viel besser. „Bei uns war Unterricht bis 14, 15 Uhr, dann habe ich von 16 Uhr bis spätabends trainiert. Da war keine Zeit für Hausaufgaben, keine Zeit für Pausen im Training.“ Dann kam die Nachricht aus Kaiserslautern. Sie hatte drei Tage Zeit, um sich von der Schule, von der Familie zu verabschieden. Nach fast 24 Autostunden Fahrt mit ihren Eltern war sie plötzlich an einem anderen Ort. Und das Aufwachen war ziemlich hart. „Ich hatte am Anfang Kopfschmerzen, Mund und Ohren taten weh, weil ich so versucht habe, mich zu konzentrieren, richtig zu sprechen, alles zu verstehen. Es war so anstrengend.“ Im Unterricht verstand sie kaum etwas. Und wären da nicht Ciara und Corinna in ihrer Klasse gewesen, die ihr immer wieder halfen, und die Erzieherinnen im Internat, die sich um sie kümmerten, sie wäre verzweifelt. Im Training war sie die Neue, die anderen kannten sich alle, und wenn sie was unternahmen, war sie nicht dabei. „Ich habe mich isoliert gefühlt, aber ich habe sie verstanden“, sagt die heute 20-Jährige, die mittlerweile feststellt: „Ich habe zum ersten Mal richtige Freunde gefunden.“ In ihren Augen ging alles viel zu langsam. „Ich wollte nach drei Jahren akzentfrei Deutsch sprechen, und mein Deutsch ist immer noch zu schlecht. Und ich bin nicht gut genug im Badminton“, findet die Bulgarin. Ihr Trainer Christian Stern sieht das ganz anders: „Ihr Deutsch ist Wahnsinn. Wir haben im Badmintontraining keinen, der so explosiv ist in seinen Bewegungen“, findet er und fügt an: „Sie ist eine harte Arbeiterin.“ Maria Boevska weiß, dass Kraft und Ausdauer ihre Stärke waren, als sie herkam, dass sie aber an der Technik arbeiten musste. Das fiel ihr schwer. „Ich habe lange gebraucht, um die Schläge zu kontrollieren. Nach dem zweiten Jahr in Deutschland habe ich eine Entwicklung gesehen.“ „Sie jammert auf hohem Niveau“, findet ihr Trainer. Während die Bulgarin, die zum Landeskader gehört und für den SV Fischbach in der Zweiten Bundesliga spielt, damit hadert, dass die Konkurrenz aus den anderen Ländern so gut ist. Nächstes Ziel: AbiturSie versucht, nüchtern zu bleiben und realistisch. „Ich bin jetzt 20, trotzdem in der zwölften Klasse“, analysiert sie. Dass sie wegen Problemen mit der Sprache eine Klasse tiefer einsteigen musste, nahm sie damals in Kauf. Dass sie plötzlich Zweier oder Dreier statt Einsern hatte, fiel ihr schon schwer. Aber sie arbeitet dann eben umso härter. Ihr nächstes Ziel ist das Abitur. Um dafür gut vorbereitet zu sein, will sie nächste Saison beim SV Fischbach kürzertreten, nur noch im Notfall aushelfen. Denn ihr Weg gibt ihr vor, dass sie in Deutschland studieren will. Wenn sich auch einiges an ihren ursprünglichen Plänen geändert hat. „Meine Pläne haben sich oft verändert. Ich wollte Badmintontrainerin werden, Sport studieren, Physiotherapeutin werden, Sportmanagement studieren ...“ Inzwischen zeichnet sich ein klares Bild ab. In der coronabedingten Zwangspause in Bulgarien hat sie, um ihr Englisch zu verbessern, einen Englischkurs gestartet. Und sie hat sich für einen Grafikkurs angemeldet, der sie begeistert. „Ich liebe Badminton. Das ist mein Leben bis jetzt. Ich habe aber auch Erfolge in anderen Bereichen. Ich will nicht mehr Profi werden. Ich will gern meinen Verein haben und meine Spiele, möchte mich weiterentwickeln und an Turnieren teilnehmen, bei der Senioren-EM der Erwachsenen. Ich werde weiter Badminton spielen, mein ganzes Leben vielleicht, aber nicht mehr auf diesem Niveau. Nur zum Spaß. Ich will mein Abitur in Kaiserslautern machen, mich dann für die Uni bewerben, eventuell ein Fernstudium im Bereich Grafikdesign an einer deutschen Uni machen.“ FamilienzeitDie Zeit in Bulgarien hat sie zusammenwachsen lassen mit ihrer Familie, ihren zwei jüngeren Geschwistern. Erst seit ein paar Tagen darf sie wieder nach draußen, spielt Badminton mit ihrem kleinen Bruder auf einem gezeichneten Feld, hat ihren Freund das erste Mal seit über einem Monat wieder gesehen. Sie lernt über die Onlineplattform für die Schule, trainiert nach den Anleitungen von Christian Stern per Video, wartet, bis die Kontaktsperren gelockert werden, sie wieder nach Deutschland darf ohne Angst, dass sie nicht mehr nach Bulgarien zurückkommt. „Ich will wieder in der Halle sein, wieder Badminton spielen, wieder richtig schwitzen. Und ich will so vielen Menschen wie möglich zeigen, wie toll Badminton ist. Das ist der schwierigste Sport, den es gibt. Mit viel Technik, viel Kampf, und es ist sehr gut für die eigene Entwicklung.“